Fragen:  Michael D.   |   Antworten:  Ulrike   |   Übersetzung:  -   |   Datum:  29.12.2023


Ulrike Serowy

Hallo Ulrike, gerade ist „Die Festung“ über Edition Mørkeskye erschienen. Erzähl doch ein wenig darüber. Was darf man sich als Leser erwarten?

Hallo Michael! Erstmal danke für die Gelegenheit, hier über meine Bücher zu erzählen. „Die Festung“ ist eine Erzählung, eine Rezensentin nannte es auch ein Märchen. Man darf eine Geschichte erwarten, die sehr finster und geheimnisvoll ist, in der es um die Unausweichlichkeit eines schrecklichen Schicksals geht und um die Frage, ob man diesem Schicksal ausgeliefert ist, ob Fatalismus der richtige Weg ist, oder ob es sich nicht doch lohnen kann, an Menschlichkeit und Hoffnung zu glauben. „Die Festung“ ist mit ihrer Sprache und ihren Themen sehr sehr, sehr Black Metal, finster, dräuend, unausweichlich, aber gleichzeitig ist sie untypisch für Black Metal, denn es geht um Freundschaft und Mut.

Die Erzählung wurde ja auf dem Album „A Grey Chill And A Whisper“ von der deutschen Black Metal-Band Beltez vertont. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Beltez kommen aus dem Kölner Raum, lustigerweise habe ich sie zuerst aber in Münster auf dem Culthe Fest 2019 gesehen, wo ich eine Lesung mit Marcel Dreckmann von Helrunar hatte. Ihre Show hat mich damals massiv beeindruckt, gleichzeitig haben wir dort zum ersten Mal ein paar Worte gewechselt und sie wussten, dass ich Autorin bin und dass Black Metal seit meinem Debüt „Skogtatt“ eins meiner Themen ist.
Nach einer – wiederum grandiosen – Show im Kölner Jugendpark haben die Jungs mich gefragt, ob ich Lust hätte, für ihr nächstes Album zu schreiben und natürlich habe ich sofort zugesagt.

2022 ist deine Erzählung „Wölfe vor der Stadt“ erschienen. Werwolf-Mythen fanden im Black Metal von jeher großen Anklang, man denke nur an „Nattens Madrigal“ von Ulver, welches sie dem „Bruder Wolf“ widmeten, bevor sie sich vom Black Metal abwandten. Seit einigen Jahren ist es nun tatsächlich so, dass auch hierzulande die Wölfe zurückkehren. Was verbindest du persönlich mit dem Wolf?

Ich finde den Wolf vor allem als Mythos und als Symbol interessant. Es ist toll, dass die Populationen sich so weit erholt haben, dass wir hierzulande wieder Wölfe haben. Gleichzeitig dürfen die Bedenken von Schäfern und Bauern nicht einfach vom Tisch gewischt werden, wie es häufig geschieht. Diskussionen um solch kontroverse Themen werden oft sehr laut, sehr blind geführt, es wird fast unmöglich, dem Gegenüber zuzuhören. Das liegt in diesem Fall wohl mit daran, dass der Wolf uns als Menschen so reizt und herausfordert. Er ist ein Symbol für all die wilden Triebe, die wir Menschen unterdrücken. Im Werwolf ist das Ganze dann noch mal potenziert.

Nicht nur Szenemagazine aus dem Gothic- und Metal-Bereich waren von „Wölfe vor der Stadt“ angetan, auch die Mainstream-Presse berichtete sehr wohlwollend. Kann man da ein wenig auf der grassierenden Fantasy-Welle mitschwimmen? Ich hab irgendwo sogar einen „Twillight“-Vergleich gelesen, den ich ziemlich unpassend fand.

Ich freue mich sehr, dass meine Bücher sowohl im Mainstream als auch in verschiedenen Szenen Anklang finden. Das zeigt mir, dass die Texte für sich stehen und nicht nur Trends oder bestimmte Geschmäcker bedienen, sondern dass sehr unterschiedliche Leser etwas ihn ihnen finden können, das zu ihnen spricht. Ich betrachte mich auch nicht als reine „Fantasy-Autorin“; einige meiner Texte haben mit Fantasy gar nichts zu tun. Fantasy und Phantastik allgemein wird es meiner Meinung nach immer geben, ich glaube nicht, dass es nur eine Welle ist. Sie ist wichtig als Entwurf einer Gegenwelt, die weder Utopie noch Dystopie sein muss und sie kann mit Möglichkeiten spielen, die den realistischeren Literaturgenres eher verschlossen sind.Der Vergleich mit „Twilight“ gefällt mir allerdings, weil ich mit den Wölfen ein Gegengewicht zu dieser Serie schaffen wollte. In „Twilight“ sind Vampire und Werwölfe fast schon so etwas wie Übermenschen, einfach zu fantastisch für diese Welt. Ich meine – glitzernde Vampire? Freundliche Werwölfe, die sich ganz gut im Griff haben und gerne die Moralpolizei spielen? Ich finde diese Darstellung schrecklich verkitscht und ich wollte dem mit „Wölfe vor der Stadt“ etwas entgegensetzen, eine Geschichte, in der es kein „Upgrade“ ist, zu einem Werwolf zu werden, sondern ein Fluch, eine schwere Bürde. Ich wollte die Kreatur in die Schatten zurückholen.

Mit den Wölfen hältst du ja öfter Lesungen, oft in Verbindung mit Musik, zuletzt mit Grift in Aachen. Ich stelle mir so einen Auftritt als etwas wirklich Besonderes, sehr Atmosphärisches vor. Wie erlebst du solche Abende?

Für mich sind solche Abende immer etwas ganz Besonderes. Eine Lesung für sich ist schon eine ganz intensive Erfahrung, vor allem dann, wenn die Zuhörer mir wirklich in den Text folgen und das, was ich ihnen vorlese, ganz auf sich wirken lassen. Wenn dann noch ein oder mehrere Musiker da sind, mit denen ich mir die Bühne teile, deren Musik gut zum Text passt und umgekehrt, weil sie beide aus einer ähnlichen Sehnsucht nach Schönheit oder nach dem Geheimnis hinter den Dingen entstanden sind, dann erschließen sich Text und Musik noch einmal gegenseitig tiefer.

In Kürze erscheint dein neuestes Werk „Highway to Hel“. Worum geht es darin?

Es geht um Max, einen wenig ehrgeizigen Studenten, dessen etwas bizarrer Nebenjob ihn in die Situation bringt, eine junge Frau, Claire, aus ihrem voreilig geschaufelten Grab befreien zu müssen. Daran schließt sich eine lustig-makabre Roadnovel an, die die beiden über Wuppertal und Köln nach Berlin und schließlich nach Island führt, wo sie bis ins Totenreich reisen müssen, um alles wieder ins Lot zu bringen. Die Geschichte ist leichtherziger als meine anderen Texte, aber auch hier geht es um einen Weg, der denen, die ihn gehen, viel Mut abverlangt. Außerdem wird die Frage geklärt, warum man im Jenseits immer eine Salami zur Hand haben sollte :-D
Das Buch hat viel mit Island zu tun, einem meiner absoluten Lieblingsländer, wo ich auch einmal einige Zeit im Museum für Zauberei und Hexerei in Hólmavík verbringen und dort schreiben durfte. Davon ist natürlich viel in den Text eingeflossen und ich möchte mit dem Buch auch dorthin zurückkehren, auch um den Menschen zu danken, die mir das ermöglicht haben.

Spielt in „Highway to Hel“ Musik auch wieder eine Rolle beziehungsweise welche Alben liefen bei dir während des Schreibens?

Musik spielt diesmal nur eine kleine Nebenrolle, allerdings habe ich an geeigneter Stelle mit einer Erwähnung von Gorgosaur etwas schwedischen Underground Death Metal eingebaut.
Beim Schreiben habe ich ganz unterschiedliche Musik gehört; von isländischem Black Metal über finnischen Rock bis zu (Nordic) Folk war da einiges dabei, ein spezielles Album kann ich diesmal nicht nennen.

Gibt es Autoren, die dich in irgendeiner Weise beeinflussen bzw. was liest du selber gerne?

Ja, es gibt einige Autoren, die mich beeinflusst haben, wobei ich schwer sagen kann, welche Einflüsse sich davon direkt auf mein Schreiben auswirken. Ich höre zum Beispiel oft, dass manche meiner Texte an Lovecraft erinnern, dabei habe ich von dem kein einziges Buch gelesen – bzw. ich habe „Schatten über Innsmouth“ angefangen aber ich konnte mit dem Erzähltempo nicht so viel anfangen. Dagegen kann ich mir vorstellen, dass Terry Pratchett einen großen Einfluss auf „Highway to Hel“ hatte, ob es mir da gelungen ist, auch nur in die Nähe des Abglanzes dieses Genies zu kommen, muss der Leser entscheiden. Ein Buch, das mit zuletzt schwer beeindruckt hat ist „Drachenblut“ von Christoph Hein, ein eindringlicher Roman über die Einsamkeit und was es mit Menschen macht, wenn sie nicht dazu in der Lage sind, wirklich in Beziehung zueinander zu treten. Auch sprachlich ist dieses Buch zugleich schön und auf distanzierte Art poetisch, dabei aber auch präzise und zwingend. Solche Bücher liebe ich.

Wie bist du eigentlich zum Schreiben gekommen?

Ich habe als Kind schon geschrieben, habe mich für Sprache und besonders für das Schreiben begeistert und wollte immer schon Schriftstellerin sein. Ich würde gar nicht sagen, dass ich zum Schreiben gekommen bin – es war eigentlich immer schon da.

Wie ist deine Herangehensweise, wenn du ein Buch schreibst? Eher strukturiert mit Zeiten, die du fürs Schreiben reserviert hast, oder hast du immer ein Notizbuch bei dir, wenn dir plötzlich etwas einfällt?

Das kommt immer etwas auf das Buch an, weil sich alle meine Bücher ganz unterschiedlich haben schreiben lassen. Wichtig ist, dass ich mir die Zeit zum Schreiben nehmen kann, gerne abends, wenn die Welt ruhiger, dunkler und geheimnisvoller ist. Ich habe auch oft etwas zum Schreiben dabei, falls mich eine spannende Idee streift. Die Texte entstehen aber mehr zu Hause oder an meinem aktuellen Schreibort als unterwegs zwischendurch.

Was macht eine Ulrike Serowy, wenn sie nicht gerade Geschichten über Werwölfe etc. schreibt?

Ganz verschiedenes – bis vor Kurzem habe ich als Lehrerin gearbeitet, habe mich aber dagegen entschieden, das unter den aktuellen Gegebenheiten weiterzumachen. Dafür unterrichte ich nächstes Jahr zum Beispiel wieder Isländisch für Einsteiger, darauf freue ich mich schon sehr.

Was ist als nächstes geplant? Gibt es schon Ideen für ein neues Buch?

Als nächstes stehen Lesungen mit „Highway to Hel“ an, das Buch ist ja gerade erst erschienen. Ideen für ein neues Buch habe ich auch schon – ach was, für einen ganzen Stapel :)

Danke für das Interview! Möchtest du den Lesern noch etwas mitteilen?

Ja, sehr gern! Vielen Dank für dein und euer Interesse an mir und meinen Büchern. Es ist einfach toll, dass es Menschen gibt, die meine Texte gerne lesen und sich auf die Reisen begeben, die zwischen diesen Buchdeckeln auf sie warten.



Gelesen: 203x (seit 29.12.2023)


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